Mehrwerthof

Der Mehrwerthof - am Beispiel Markt Schwaben

Das Projekt

Die folgenden Konzeptbausteine sind im Sommersemester 2018 im Rahmen des Projektes „ZukunftGestalten@HM” entstanden. Bei dem Projekt handelt es sich um ein interdisziplinäres Lehrformat der Hochschule München, dass sich aus fächerübergreifenden studentischen Teams zusammensetzt, welche an Praxisprojekten arbeiten. Ziel ist es, den Studierenden durch die Zusammenarbeit mit anderen Fakultäten und den Praxispartnern der einzelnen Projekte Erfahrungen in der interdisziplinären Arbeit zu vermitteln, sowie Lernerfahrungen mit realen Projekten zu generieren. Dabei werden die Kompetenzen der „Nachhaltigkeit” im Sinne der Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) in allen Fakultäten angewandt, ergänzt, verbunden, anschlussfähig gemacht und praktisch umgesetzt, um durch das Projekt einen aktiven gesellschaftlichen Wandel zu gestalten. Das Lehrformat wird regelmäßig in den Sommersemestern an der Hochschule München umgesetzt. Im Jahr 2018 steht es unter dem Motto: „Innovationen für eine Nachhaltige Zukunft - REduce:REuse:REcycle:REdesign: REbuild:REthink”.

REduce: Das Problem von Müll in einer „Wegwerfgesellschaft” wird an den Ursprüngen angegangen und das Bewusstsein für Müllvermeidung gestärkt.

REuse:REcycle: Müll wird als (Mehr-)Wertstoff gesehen und in den Kreislauf zurückgeführt.

REdesign:REbuild:REthink: Der Wertstoffhof wir neu gedacht, gestaltet und zu einem „Mehrwerthof” der Zukunft umgebaut. Ein sozial integrativer Ort des Austauschs und der Kreativität wird in die Gemeinde eingebettet und ein vorbildliches „Pilotprojekt” für weitere seiner Art.


Der Projektablauf

Im Folgen ist der Projektplan mit Meilensteinen im Rahmen der durch die Hochschule vorgegebenen Projektdauer dargestellt:

  • 22.03. Einführungsveranstaltung
  • 05.04. Treffen - Meet & Greet
  • 12.04. Vorortbesuch - Understand and Observe
  • 19.04. Treffen - Research Synthesis
  • 24.04. Vorstellung der Pläne im Gemeinderat
  • 26.04. Treffen - Research and Ideation
  • 03.05. Treffen - Ideation
  • 17.05. Zwischenpräsentation - Feedback
  • 24.05. Treffen - Research and Ideation
  • 07.06. Treffen - Concept and Prototyping
  • 14.06. Treffen - Prototyping
  • 21.06. Treffen - Prototyping / Finishing
  • 28.06. Projektvorstellung / Abschlusspräsentation
  • 11.07. Stakeholder-Workshop in Marktschwaben

Anmerkung: Da sich zwei verschiedene Projektgruppen mit dem „Mehrwerthof Markt Schwaben“ beschäftigt haben, wird im Folgenden von „Bausteinen“ oder „Modulen“ gesprochen. Dabei wird jedoch nur eine begriffliche Unterscheidung vorgenommen, inhaltlich meinen die Bezeichnungen dasselbe.

Vision

Ziel unseres Konzeptes ist es, differenzierte und handlungsanregende Module/Bausteine zur Verfügung zu stellen, welche den Umbauprozess eines Wertstoffhofes zum sozial-integrativen Mehrwerthof charakterisieren. Diese sollen zukünftig sowohl das Leuchtturmprojekt des Mehrwerthofes Markt Schwaben, als auch gleichgesinnte Projekte mit ähnlichen Intentionen, begleiten und anregen. Hierzu wird im Folgenden die aktuelle Ausgangslage analysiert und die Charakteristika eines Mehrwerthofes differenziert. Im Anschluss daran wird das Konzept der Module/Bausteine erläutert, sowie einzelne Module und Bausteine konkretisiert und ausgearbeitet.

Zum Abschluss geht der Ausblick auf Potenziale des gesellschaftlichen Wandels durch das Konzept des Mehrwerthofes ein und verweist auf konkrete Handlungsvorschläge zur Projektfortsetzung für den Mehrwerthof Markt Schwaben.

…mit einem internen Link zur Teamseite und einem externen Link zur Seite Socialdesign.de

Situationsanalyse

Jeder kennt es: Erfüllt ein Gegenstand scheinbar nicht mehr seinen Nutzen, wird er entsorgt, im besten Fall noch auf dem Wertstoffhof und verschwindet so direkt von der eigenen Bildfläche. Viele wissen nicht, was nach jener „Endstation” mit den Gegenständen passiert und betrachten diese Entsorgung als etablierte Lösung, „unbrauchbare” Dinge loszuwerden. Der Gang zum Wertstoffhof wird oft als Belastung wahrgenommen und er ist selten ein Ort, an dem man sich gerne aufhält. Stattdessen stellt er nur ein Mittel zum Zweck dar. Oft fehlt das Bewusstsein für das eigene Konsumverhalten und somit auch für den dadurch produzierten Müll. Im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung bedarf es einem gesamtgesellschaftlichen Umdenken, auf Ebene der Politik und der Individuen. Folgende Fragen sind bezüglich dieser Transformation relevant:

Ist unser Müll tatsächlich verschwunden, sobald er im Container oder der Tonne landet? Ist das, was wir wegwerfen Müll? Oder können Teile davon wiederverwendet bzw. repariert werden?

Diese Fragen sollen in das gesellschaftliche Bewusstsein gerückt werden und das Konzept des Mehrwerthofes eine Alternative zum bestehenden Wirtschaftssystem werden. Der Wertstoffhof Markt Schwaben soll während und nach seinem Umbau zum Leuchtturmprojekt eines Mehrwerhofes werden, welches als Vorbild für andere Gemeinden dient.

Stakeholder

Die Vielzahl an Akteuren in diesem Projekt zeugt von der großen Resonanz der Konzeption eines „Mehrwerthofs”. Jede Gruppierung bringt ihre eigenen Kompetenzen mit und kann etwas zur Gestaltung einer zukunftsweisenden Recycling- bzw. Kreislaufwirtschaft beitragen.

Schlüsselakteure sind u.a:

Die Stakeholdermap der Hans Sauer Stiftung in höherer Auflösung, hier als PDF: mehrwerthof_markt_schwaben_stakeholder_map_.pdf

Herausforderungen für das Projekt

  • Multiple Stakeholderinteressen

Beim Projekt des „Mehrwerthofes” sind viele verschiedene Parteien und Interessen zu vereinen. Anreize und Chancen davon sollen für alle Akteure gegeben und erkennbar sein. So erhöht sich auch die Akzeptanz, Umsetzung und Etablierung des Vorhabens. Es wird eine große Herausforderung, ausreichend auf die verschiedenen Bedürfnisse und Perspektiven aller Stakeholder einzugehen und zugleich die eigentliche Zielsetzung nicht aus dem Auge zu verlieren. Über eine geeignete Kommunikation, Zusammenarbeit und Kompromisse, sollten Unklarheiten und Meinungsverschiedenheiten frühzeitig erkannt und gelöst werden.

  • Heterogene Zielgruppe

Bei der Umsetzung und dem späteren Betrieb des „Mehrwerthofes” kommen viele verschiedene Menschen mit sehr unterschiedlichen Qualifikationen und Fähigkeiten zusammen. Dabei sollen Langzeitarbeitslose und Geflüchtete eine zentrale Rolle spielen. Bei einer solchen Konstellation unterscheiden sich die Menschen hinsichtlich Sprache, unterschiedlicher psychischer und physischer Belastbarkeit, Qualifikation und Arbeitsweise. Eine Abstimmung der Aufgabengebiete und individuelle Förderung unter Berücksichtigung von Unbeständigkeit des Personals, Qualifizierungsmöglichkeiten und Fertigungsergonomie wird für eine zufriedenstellende Zusammenarbeit unumgänglich.

  • Materialkomplexität

Bei einer Wiederverwendung von entsorgten Materialien lassen sich selten konstante Eigenschaften feststellen. Die MitarbeiterInnen des Mehrwerthofes werden es immer wieder mit unbekannten Gegenständen und Materialien zu tun haben. Dabei ist es eine große Herausforderung, die Wertstoffe hinsichtlich ihres Wertes und ihrer Nutzbarkeit zu unterscheiden und diese sinnvoll zu verwerten. Bei der Weiterverwertung und Bearbeitung muss zudem auf die Komplexität, die Risikobehaftung und den bisherigen Verwertungskreislauf der Materialien geachtet werden.

Dieser Materialkatalog der Hans Sauer Stiftung gibt eine aktuelle Übersicht über Materialien und Rohstoffe, die auf Wertstoffhöfen im Raum München abgegeben und sortiert werden: materialkatalog_mehrwertwaren.pdf

  • Akzeptanz und Verankerung in der Bevölkerung

Damit das Projekt langfristigen und effektiven Nutzen für die NutzerInnen, seine MitarbeiterInnen und die Umwelt hat, ist eine Akzeptanz in den Bevölkerung entscheidend. Eine wirkliche Umgestaltung des aktuellen Wertstoffhofes ist nur mit der Zusammenarbeit der BürgerInnen möglich. Daher wird es ein wichtiger Bestandteil sein, die Bevölkerung rechtzeitig und ausreichend über den Umbau und die Nutzung zu informieren. So soll diese durch den späteren Betrieb nachhaltig für die genannten Themen des „Mehrwerthofes” sensibilisiert und motiviert werden.

  • Ablaufgestaltung

Für den späteren Betrieb des „Mehrwerthofes” ist eine sinnvolle Ablaufgestaltung ein wichtiger Erfolgsfaktor. Dabei wird der Fokus auf einer abgestimmten und zweckmäßigen Steuerung der Arbeitsschritte liegen. Die räumlichen Gegebenheiten, diversen Tätigkeiten und unterschiedlichen MitarbeiterInnen müssen passend zu anderen Rahmenbedingungen und individuellen Bedürfnissen zielführend kombiniert werden.

Was macht einen Mehrwerthof aus?

Der klassische Wertstoffhof soll durch ein innovatives, ganzheitliches Konzept im Sinne eines sozial-integrativen “Mehrwerthofes” ersetzt werden. Es soll eine Gegenbewegung zum rein linearem Wirtschaftsmodell geschaffen und ein Schritt in Richtung Kreislaufwirtschaft gegangen werden, bei dem möglichst viele Ressourcen wieder in den Kreislauf der Nutzung zurückgeführt werden. Das Potenzial der Kreislaufökonomie soll genutzt werden, um benachteiligten Gruppen, in diesem Fall Langzeitarbeitslose, neue Beschäftigungsmöglichkeiten zu eröffnen. Personen, die am ersten leistungsorientierten Arbeitsmarkt keinen Zugang finden, bekommen eine Aufgabe, die ihre Reintegration unterstützt und ihr Selbstwertgefühl steigert. Das gängige Konzept eines Wertstoffhofes soll durch ein breites Serviceangebot ergänzt werden. Der Mehrwerthof soll nicht nur ein Ort sein, an dem Dinge im Sinne eines Wertstoffhofes entsorgt werden, sondern zum Cradle-to-Cradle-Prinzip beitragen. Es soll die Möglichkeit geboten werden, wertvolle und einzigartige „neue” Produkte entstehen zu lassen. Aus alten, weggeworfenen Gegenständen wird wieder ein Nutzen für die BürgerInnen generiert. Die Herausforderung besteht darin, die Bevölkerung aktiv mit in den Projektprozess, im Sinne einer Bürgerpartizipation, einzubeziehen. Diese wird beim vorliegenden Konzept nicht im Sinne einer Beteiligung der Bevölkerung während der Planungs- und Bauphase umgesetzt, sondern viel mehr als umfassender Einbezug der BürgerInnen, sobald der Mehwerthof baulich errichtet wurde. Generell ist es sehr ratsam, die GemeindeeinwohnerInnen bereits vor der Bauphase in die konzeptionelle Entwicklung des Mehrwerhofes mit einzubeziehen um das volle Entwicklungspotenzial auszuschöpfen und Widerständen vorzubeugen. Da dieser Zeitpunkt im Fall von Markt Schwaben bereits überschritten und die Planungsphase weitgehend abgeschlossen ist, bleibt dieses Potenzial leider ungenutzt. Wenn das Leuchtturmprojekt jedoch auch in anderen Gemeinden umgesetzt wird, bietet es sich an, die Bürger so früh wie möglich im Planungsprozess mit einzubeziehen und Beteiligung im Sinne einer basisdemokratischen Gesellschaft zu ermöglichen. Dadurch entsteht eine „Begegnungsstätte”, mit der sich die EinwohnerInnen mit dem Mehrwerthof und dadurch mit ihrem „Müll” identifizieren.

Von der Linearwirtschaft zur Kreislaufwirtschaft

Unser Wirtschaftssystem basiert auf einem linearen Muster (Linearwirtschaft): nach dem Motto „take, make, waste” werden Rohstoffe genutzt, Produkte gebraucht bzw. verbraucht und am Ende als Abfälle entsorgt. Folgen sind Ressourcenknappheit, Klimawandel und Reduktion der Artenvielfalt.

In der Kreislaufwirtschaft wird das Gesamtsystem geschlossen, die Endphase „Entsorgung” durch Zirkulation ersetzt. Rohstoffe gelangen so, über den Lebenszyklus eines Produktes hinaus, wieder zurück in den Produktionsprozess. Das Kreislaufsystem nach Vorbild der Natur schont Ressourcen und bringt gleichzeitig wirtschaftliche Effizienz. Den Kommunen wird dabei eine besondere Rolle zugesprochen: sind sind verantwortlich für eine ökologische, serviceintensive, soziale und regionale Wertschöpfung.

Module & Bausteine

Die in der Grafik dargestellten Module „Annahme, Lager, Werkstätten, Verkauf & Vertrieb, Nutzung” sind dabei Pendants zu den Wertschöpfungsphasen „Zirkulation, Produktion und Nutzung” und stellen die konkrete Übertragung der Kreislaufwirtschaft auf Mehrwerthöfe der Zunkunft dar. Die Module dienen als Bausteine im Gesamtsystem und geben einen kurzen Überblick über Inhalt, Umsetzung, Akteure und mögliche Prototypen. Die Öffnung der Module für BürgerInnen und externen Akteuren steht im Zentrum einer erfolgreichen Umsetzung der Kreislaufwirtschaft.

Ergänzt werden diese Module durch die Bausteine Ressourcen, Marketing und Veranstaltungen.

Das dargestellte Systemdiagramm gibt einen Überblick über die in den Abläufe auf dem Mehrwerthof. Zusammenhänge und kritische Punkte werden deutlich.